Cosima Meyer (Universität Mannheim)

„Konflikterfahrung in Kombination mit einer Frauenquote kann dazu führen, dass die Frauen länger an der Macht bleiben.“

Ein Interview mit Cosima Meyer

geführt von Sarah Gina Febriana

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Cosima Meyer (Bachelor und Master in Politikwissenschaft) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft IV an der Universität Mannheim und in der “Data and Methods Unit” des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung. Sie promoviert an der Universität Mannheim in der quantitativen Konfliktforschung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei auf der Nachkriegsstabilität, der Rolle von Frauen in Nachkriegsländern und der Kooperation von Autokratien. Darüber hinaus engagiert sie sich ehrenamtlich für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses an der Universität Mannheim und für die Förderung und Vernetzung von Frauen in der Wissenschaft. Im Interview gibt sie WUMAN Einblicke in ihre spannenden und vielfältigen Projekte.

 

Sarah Gina Febriana: Herzlich Willkommen zu unserem Interview für das Projekt WUMAN. Wir freuen uns sehr, dass Sie teilnehmen und dass wir und andere Wissenschaftler*innen, die Möglichkeit erhalten, Sie und Ihre Forschung ein bisschen besser kennenzulernen. Als erstes würde ich Sie bitten, sich in einigen Sätzen selbst vorzustellen.

Cosima Meyer: Danke für die Einladung. Ich heiße Cosima Meyer und bin Doktorandin in der Politikwissenschaft. Mein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Konfliktforschung. Zur Analyse meiner Forschungsfragen nutze ich Methoden aus dem Bereich Computational Social Sciences – der Verbindung von Sozialwissenschaften und Datenanalyse. Gleichzeitig lehre ich an der Universität Mannheim an der sozialwissenschaftlichen Fakultät, genauer am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft/Internationale Beziehungen in meinem Forschungsschwerpunkt und quantitativen Methoden. Ich unterrichte dabei also nicht nur inhaltliche Seminare sondern auch statistische Übungen, um so eine Brücke zwischen statistischen Methoden und der Konfliktforschung zu bauen.

S.G. F.: Und was sind dabei Ihre Forschungsinteressen?

C. M.: In der Forschung finde ich besonders die Konfliktforschung und die Transformationsforschung interessant. Zum Beispiel untersuche ich, wann und wieso Länder nach Bürgerkriegen stabil bleiben und nicht wieder zurück in einen Konflikt fallen. Dabei lege ich einen besonderen Fokus auf Leadership survival. Das bedeutet, dass ich untersuche, ob und unter welchen Umständen Staatsoberhäupter an der Macht bleiben. In der Transformationsforschung betrachtet man die Autokratisierung und Demokratisierung von Ländern. Gerade nach Konflikten ist die politische Transformation eines Landes sehr spannend. Ich untersuche hier zum Beispiel die Autokratisierung von Ländern und unter welchen Umständen Autokratien miteinander kooperieren.

S. G. F.: Sehr spannend. Und was sind Ihre aktuellen Projekte?

C. M.: Zur Zeit arbeite ich an mehreren Projekten. In einem Projekt geht geht es beispielsweise um Leadership survival in post-conflict countries; wieso und unter welchen Umständen bleiben post-conflict head of state (Staatsoberhäupter in Nachkriegsländern) an der Macht? Mehr als die Hälfte dieser Staatsoberhäupter schafft es nicht drei Jahre nach Kriegsende an der Macht zu bleiben. Mein Argument basiert einerseits darauf, dass nicht alle Nachrkriegsländer gleich sind. Die Forschung hat zum Beispiel herausgefunden, dass die Nachkriegsstabilität nach klaren Siegen eher gewährleistet ist als nach Friedenserklärungen. Anderseits argumentiere ich, dass die persönliche Erfahrung, die jedes Staatsoberhaupt mit bringt, maßgeblich zur „Überlebenswahrscheinlichkeit“ beiträgt. Ein Staatsoberhaupt kann also zum Beispiel vorherige militärische oder politische Erfahrung gesammelt haben. Ich nehme an, dass das Staatsoberhaupt beim Erwerben der Erfahrungen auch eine Netzwerkstruktur aufgebaut hat, die es unterstützt und ihm beim Machterhalt hilft. Ich argumentiere, dass die unterschiedlichen Nachkriegsszenarien unterschiedliche Erfahrungen benötigen.

In einem anderen Projekt untersuche ich zusammen mit Britt Bolin Frauen in post-conflict politics. Wir fragen uns dabei, warum Frauen in der Nachkriegszeit an der Macht bleiben. Aus der Forschung wissen wir bis jetzt, dass Konflikte wie Bürgerkriege enormes Potential für Frauen bieten, Zugang zu klassisch männerdominierten Berufen oder Positionen zu erlangen. Gründe hierfür sind zum Beispiel, dass Posten frei werden und Frauen so die Möglichkeit erhalten diese — oftmals ursprünglich vornehmlich Männern vorbehaltenen Positionen —übernehmen zu können oder auch müssen. Im europäischen/deutschen Kontext wären die „Trümmerfrauen“ ein Beispiel dafür. Die Forschung hat auch gezeigt, dass Frauen in Nachkriegsländern signifikant häufiger an der Macht sind. Wir wissen allerdings nicht, ob dieser Effekt auch eine langfristige Wirkung hat. Das heißt, wir wissen nicht, wie lange die Frauen an der Macht bleiben oder ob es sich umkehrt und Männer diese Positionen zurückfordern. In unserer Forschung können wir zeigen, dass vor allem eine Frauenquote, d.h. eine institutionelle Regelung, in Nachkriegsländern einen langfristig positiven Effekt auf einen hohen Anteil von Frauen in Kabinetten hat. Um das zu untersuchen haben wir einen weltweiten Datensatz über die Anzahl an Frauen in Kabinetten erstellt, der es uns auch in der Zukunft erlaubt noch disaggregiertere Forschungsfragen zu analysieren.

Außerdem habe ich zwei weitere Projekte, bei denen ich mich intensiver mit internationaler Kooperation und der Beziehung von Staaten zueinander beschäftige. An diesen Projekten arbeite ich zusammen mit Dennis Hammerschmidt. Wir fragen uns zum Beispiel in einem Projekt, ob die zunehmende Präsenz Chinas als Geldgeber von foreign aid [Geld für Entwicklungszusammenarbeit, Anmerkung der Redaktion] zu einer Veränderung in der Staatenbeziehung führt. Ein traditioneller Hauptgeber von foreign aid sind eigentlich die USA; China wird aber als alternativer Förderer immer präsenter. Wir untersuchen die Veränderung der Staatenbeziehungen am Beispiel der Reden in den Vereinten Nationen (UN). Tendenziell erwarten wir, dass Länder Geldgebern von foreign aid gegenüber positiv gestimmt sind. Kommt nun aber China als alternativer Geldgeber auf den Markt, erwarten wir eine Veränderung in der Beziehungsstruktur, die sich durch zunehmende Kritik an den USA äußert. Einen besonderen Fokus legen wir hierbei auf die Nachkriegsländer. Wenn man der Forschung der development traps folgt, kann foreign aid zur Stabilität in diesen Ländern beitragen. Bei development traps wird angenommen, dass diese Länder durch Armut oder Konflikte in ihren Entwicklungsstadien gefangen sind und eine Art „Anschub“, z.B. wirtschaftlich, benötigen, um sich weiterzuentwickeln. Die Forschung hat dazu gezeigt, dass die Stabilität wahrscheinlicher ist, wenn ein Land ökonomisches Wachstum erfährt. Foreign aid wird hierbei als Anschub für die ökonomische Entwicklung angesehen. Um diese Fragen zu beantworten, nutzen wir neueste Methoden in der Textanalyse, um herauszufinden, ob Geberländer negativ oder positiv adressiert werden.

In einem weiteren Projekt untersuchen wir die Kooperation zwischen Autokratien. Aus der Forschung wissen wir, dass Demokratien viel miteinander kooperieren und Autokratien tendenziell eher als unbeliebte Kooperationspartner gelten. Mit Hilfe von Netzwerkanalyse versuchen wir zum einen Kooperationsmuster zwischen Autokratien zu erklären und analysieren auch die daraus entstehenden Effekte auf eine Autokratisierung.

S. G. F.: Das klingt sehr interessant. Sie haben auch am Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung (MZES) gearbeitet. Könnten Sie uns davon erzählen?

C. M.: Gerne. Ich habe dort dieses Jahr in der Unterabteilung „Data and Methods Unit“ gearbeitet. Der Hauptanteil meiner Arbeit bestand darin, Wissenschaftler*innen bei Problemen mit Daten oder quantitativen Methoden zu unterstützen. Sie konnten uns als Team ansprechen und wir haben daraufhin Hilfe angeboten und Tipps gegeben. Gleichzeitig wurden auch Forscher*innen im Rahmen des Social Science Data Labs eingeladen, Methoden, die sie nutzen, vorzustellen. Da es sich hierbei um innovative Methoden handelt, wollten wir diese einem breiteren Publikum zur Verfügung stellen. Deshalb haben wir den Blog „MZES Methods Bites“ gegründet. Hier posten wir Beiträge mit kleinen „How-to tutorials” — wir haben zum Beispiel Posts zu Textanalyse, Visualisierung von Ergebnissen, Visual inference, oder aber auch zu Webscraping.

S. G. F.: Sie haben viel geforscht. Könnten Sie uns sagen, was Sie an Ihrer Arbeit oder Forschung besonders spannend finden?

C. M.: In meiner Forschung beschäftige ich mich vor allem mit „Nachkriegsstabilität“. Die Forschung hat gezeigt, dass die Hälfte aller Länder, die aus Konflikten kommen, auch oft wieder in den Konflikt zurückfallen. Die Frage ist also: Warum ist das so? Wenn man sich überlegt, dass Bürgerkriege durchschnittlich sieben bis sechszehn Jahre andauern und verheerend sein können, dann zeigt sich die Relevanz dieses Themas. Es ist ein Thema, mit dem wir uns humanitär beschäftigen müssen. Wir müssen uns fragen, was können wir tun, damit diese Länder aus diesem Teufelskreis herauskommen? Das finde ich unglaublich spannend. Neben der thematischen Relevanz meines Themas finde ich die universitäre Arbeit extrem inspirierend, weil man in unterschiedlichen Teams arbeitet und so im (kreativen) Austausch mit anderen Forscher*innen steht. Durch diese Teamarbeit generiert man neue Ideen und man merkt immer wieder, dass man nie auslernt. Ich lerne immer wieder etwas Neues und das ist täglich immer wieder eine neue Herausforderung.

S. G. F.: Ihre Forschung hat dann wichtige praktische Implikationen.

C. M.: Ja, das hoffe ich. Zu wissen, dass meine Forschung Bezüge zur Wirklichkeit hat, hat mich immer motiviert. Ich möchte praxisnahe und relevante Forschung betreiben. Ich finde gerade in meinem Feld die Verbindung von Theorie und Praxis interessant, da dies uns hilft, relevante Fragestellungen mit wissenschaftlich adäquaten Methoden von vielen Seiten zu beleuchten und in den weltpolitischen Kontext zu integrieren. Man verlässt dabei den akademischen Elfenbeinturm und versucht, das zu untersuchen, was die Menschen wirklich direkt betrifft.

S. G. F.: Das ist ein gutes Ziel. Wir kommen dann zu unserer letzten Frage. Sie leiten auch noch einen Verein, der Rationale Altruisten heißt. Was ist das genau?

C. M.: Die Rationalen Altruisten gibt es schon seit 2000 an der Universität Mannheim und wir haben nächstes Jahr unser 20-jähriges Jubiläum. Der Verein dient der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses an der sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Mannheim. Ich bin seit 2016 Vorsitzende bei den Rationalen Altruisten. Zusammen mit den anderen Vorstandsmitgliedern und auch unabhängigen Auswahlkomitees treffen wir Entscheidungen zur Förderung von wissenschaftlichen Projekten. Unter wissenschaftlichem Nachwuchs verstehen wir Bachelor- und Masterstudierende sowie Doktoranden. Da es besonders auf Bachelor- oder Masterniveau schwer ist, Fördermöglichkeiten zu finden, schließen wir mit unserer Förderung eine Lückedie wir unter anderem bieten. Dazu gehört zum Beispiel die Finanzierungshilfe von Bachelor- und Masterarbeiten. Hier unterstützen wir Studierende finanziell bei der Bezahlung von Probanden, Experimenten oder auch durch eine Bezuschussung für die Datensatzbeschaffung.

Man kann sich bei uns aber auch auf andere Fördermittel bewerben, wie z.B. travel grants für Konferenzreisen. Dafür schreiben wir zweimal jährlich den Rationale Altruisten Travel Grant aus. Zusätzlich vergeben wir auch Preise, die herausragende Bachelor- und Masterarbeiten in Politik, Soziologie und Psychologie ehren.

S. G. F.: Und warum heißt es „Rationale Altruisten”?

C. M.: Es heißt „rational“, weil an der Universität Mannheim die klassische Rational Choice Theory gelehrt wird. Altruistisch ist der Gegensatz von egoistisch; man gibt, ohne etwas dafür zu verlangen oder einen direkten eigenen Nutzen davon zu haben. Die Kombination der beiden Begriffe „rational“ und „Altruist“ in Rationale Altruisten ist also eigentlich widersprüchlich; das macht es meiner Meinung nach aber gerade interessant. In Kürze kann man sagen, dass die Rationalen Altruisten die Mannheimer Nachwuchswissenschaftler altruistisch fördern.

S. G. F.: Ach so. Das passt dann natürlich. Dann war das unser Interview. Ich danke Ihnen nochmal für das spannende Interview und wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute für die Zukunft.

C. M.: Danke, dass ich teilnehmen durfte.

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